Der Europäische Gerichtshof hat neue, biomolekulare Methoden der Pflanzenzüchtung, wie etwa CRISPR/Cas9, zur Gentechnik erklärt. Damit hat in der Gesellschaft eine Debatte begonnen, die seit Jahren überfällig war. Viele Vertreterinnern und Vertreter der Wissenschaft sind damit aber nicht einverstanden, weil das Urteil ist unsachlich und irrational ist. Vielen scheint dabei aber nicht klar zu sein, dass das ein Vorrecht der freien Gesellschaft ist.

Ist dieses Rind durch Gentechnik oder durch Kreuzung entstanden? Und spielt das eine Rolle? Bild: Mastiff [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

Ist dieses Rind durch Gentechnik oder durch Kreuzung entstanden? Und spielt das eine Rolle? Bild: Mastiff [CC BY-SA 3.0] / Wikimedia Commons

Ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel?

Ich habe einen Apfel. Wenn ich ihn schneide, wird er viel später braun als andere Äpfel. Es ist also eine neue Sorte und ich weiß nicht, wie sie entstanden ist. Möglicherweise hat sie sich spontan gebildet, so ähnlich wie auch Zucchinis spontan giftig werden können, wenn man sie aus eigenem Saatgut anbaut. Möglichweise wurden die Samen des Apfelbaums auch mit radioaktivem Kobalt bestrahlt und einer von ihnen mutierte zu dieser neuen Sorte. Oder diese neue Sorte entstand, weil Menschen die Erbinformation gezielt geändert haben.

Ich sehe dem Apfel nicht an, wie seine Sorte entstanden ist. Selbst in seiner DNA kann ich es nicht erkennen. Ist er durch Gentechnik entstanden oder nicht? Ist alles, was keine Gentechnik ist, „natürliche“ Züchtung? Kann Züchtung überhaupt natürlich sein? Und ergeben diese Fragen im Jahr 2018 noch Sinn?

Legale Schrotflinten, illegale Skalpelle

Die Entscheidung ist tatsächlich unsachlich, denn präzise Veränderungen des Erbguts gelten nun als Gentechnik und damit als risikobehaftet. Als erprobt und sicher und nicht als Gentechnik gilt dagegen das Bestrahlen mit Radioaktivität, mit dem nach dem Schrotflintenprinzip alles zur Mutation angeregt wird, was mutieren kann. Die Befürworterinnen und Befürworter der tradionellen, „natürlichen“ Landwirtschaft stört dieser Widerspruch offenbar nicht. Sie stört auch nicht, dass mit den neuen und effizienten Formen der Züchtung wichtige Probleme im Umweltschutz gelöst oder zumindest gemindert werden können.

Pflanzen, die extremes Wetter aushalten und weniger Pestizide benötigen, wollen wir nicht anbauen, denn dann müssten wir Gentechnik einsetzen. Wir importieren sie dann einfach. Bild: Tom Hauk [Public Domain] / Unsplash

Pflanzen, die extremes Wetter aushalten und weniger Pestizide benötigen, wollen wir nicht anbauen, denn dann müssten wir Gentechnik einsetzen. Wir importieren sie stattdessen einfach. Bild: Tom Hauk [Public Domain] / Unsplash

Wir brauchen Pflanzen, die Dürren ebenso aushalten wie Starkregen. Die gegen Krankheiten, Schädlinge und Pilzbefall resistent sind. Jedenfalls dann, wenn wir tatsächlich weniger Insekten mit Pestiziden ausrotten wollen. Wir brauchen solche neuen Pflanzensorten und die Menschen in weniger privilegierten Ländern brauchen sie umso mehr und umso dringender.

Viele Menschen aus der Wissenschaft sehen das so und streiten derzeit mit Leuten, die die Umwelt schützen wollen, indem sie sich der wichtigsten Werkzeuge dazu berauben. Man sollte glauben, dass beide Seiten die gleichen Ziele verfolgen, so wie sie es auch sonst bei der Bekämpfung des Klimawandels und dessen Folgen tun.

Und wenn sie einfach nicht wollen?

Die Wissenschaft hat recht. Das ist im Grunde genommen auch ihre einzige Aufgabe. Es ist ihr Job, mit größter Bestimmtheit herauszufinden, wie die Welt funktioniert – und genau das unterscheidet sie von Ideologien, Meinungen und Religionen. Die Erde ist keine Scheibe. Impfen verursacht keinen Autismus. Pflanzen, die durch Gentechnik enstanden, sind genauso gefährlich wie konventionell gezüchtete.

Das heißt aber nicht dass die Wissenschaft auch Recht sprechen darf. Es stimmt, das Gentechnikgesetz ist seit knapp einem Vierteljahrhundert unverändert. Seit dieser Zeit ist eine Lebenswirklichkeit entstanden, an die 1993 nicht zu denken war. Der Europäische Gerichtshof hat aber nicht die Befugnis, Gesetze zu ändern oder zu beugen, ganz gleich wie absurd oder veraltet sie sind.

Natürlich darf und muss ein Gericht Gesetzestexte auslegen, und zwar auch entsprechend des jeweiligen Zeitgeistes. Und der Zeitgeist weiß nicht, dass tradionell gezüchtetes Gemüse durchaus durch Radioaktivität und Chemikalien erzeugt wurde. Er weiß auch nicht, warum eine Technik, die Gene verändert, keine Gentechnik sein soll.

Es entscheidet nicht, wer recht hat

Vielleicht will er es auch gar nicht wissen. Vielleicht war die PR der Umweltlobbys auch einfach zu gut. Vielleicht haben sich auch bisher zu wenig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Mühe gemacht, den Leuten zu erklären, dass jede Züchtung eine erbgutverändernde Technik ist.

Das EuGH-Urteil hat mehrere Dinge gezeigt. Zum einen, dass die biomolekularen Wissenschaften offensichtlich darin versagt haben, die Gesellschaft faktenbasiert und gegen die PR der spendenabhängigen Interessenverbände über ihre Arbeit ausreichend aufzuklären. Zum anderen zeigte das Urteil, dass nicht die Wissenschaft über die Regeln entscheidet, nach denen wir leben, sondern immer noch die Organe unserer Demokratie.

Den ersten Punkt kann ich als Chemiker, der sich für ein besseres Ansehen der Chemie einsetzt, gut nachempfinden. Den zweiten Punkt kann ich als Anhänger der freiheitlichen Demokratie nur begrüßen. Die Wissenschaft hat die Aufgabe, Wissen zu schaffen und der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Und sie hat die Verwantwortung, die Gesellschaft im Umgang mit diesem Wissen zu begleiten und zu beraten. Also reißen wir uns zusammen und klären die Öffentlichkeit auf! Sie wartet und hat viele Fragen.