Wissenschaft vs. Esoterik: Verstecken hilft auch nicht

Sollten Wissenschaftler ernsthaft mit Esoterikern und Pseudowissenschaftlern diskutieren? Florian Freistetter erklärte, warum man dabei als Vertreter einer rationalen Weltsicht nur verlieren kann. Man verliert aber auch, wenn man sich der Diskussion gar nicht erst stellt.

Der Diskurs findet eh statt

Paul Watzlawick prägte den Ausspruch: „Man kann nicht nicht kommunizieren, […] genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann.“ Wenn sich Wissenschaftler einer Diskussion nicht stellen, findet sie aber trotzdem statt, nur eben ohne sie. Wie das aussieht, zeigte vor einigen Monaten die Mitteldeutsche Zeitung.

Geplant waren ein Pro- und ein Contra-Artikel zu der Frage, ob und warum der Klimawandel auf menschliche Einflüsse zurückzuführen sei. Von den angefragten seriösen Wissenschaftlern war aber niemand bereit, daran teilzunehmen. Man wollte schlicht vermeiden, hieß es, „wissenschaftlich nicht haltbare Positionen damit zu adeln, dass man ihnen echte Wissenschaft entgegensetzt.“

Veröffentlicht wurden daher nur die Ansichten eines pensionierten Geologie-Professors, der seine Erkenntnisse aus dem Internet gewonnen hat. Über das Dilemma der schweigenden Wissenschaftler klärt immerhin eine Infobox auf.

Hätte die Redaktion das verhindern müssen? Nein. In Deutschland herrscht Presse- und Meinungsfreiheit. Und selbstverständlich darf jede Person die Daten und Erkenntnisse der Wissenschaft öffentlich anzweifeln. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Natur nicht für Meinungen interessiert.

Eine Theorie kann nie vollständig bewiesen werden. Sie gilt deshalb immer nur so lange als erwiesen, bis sie widerlegt wurde. Erfahrungsgemäß passiert das mit jeder Theorie irgendwann. Der klimaskeptische Geologe sollte das bei seiner Forderung nach noch mehr Beweisen eigentlich auch wissen. Es wäre die Aufgabe von Fachleuten gewesen, das zu erklären.

Schachspiel gegen eine Taube

Florian Freistetter hat Recht damit, dass TV-Shows nicht daran interessiert sind, Fakten zu vermitteln. Über den Klimawandel herrscht in der Wissenschaft ebenso wenig Zweifel wie über die Form der Erde oder die Unwirksamkeit der Homöopathie. Nur weil das manche Leute nicht interessiert oder anderen Leuten nicht passt, ändert das nichts an der Faktenlage.

Wer mit offensichtlichem Blödsinn eine Debatte gewinnt, ist kein dummer Mensch.

Es geht den Esoterikern und Pseudowissenschaftlern auch gar nicht darum, ihre Behauptungen zu beweisen. Sie suchen eine Bühne, um das Publikum für sich zu gewinnen. Deshalb funktioniert es auch nicht, rational mit ihnen zu diskutieren. Es funktioniert aber genauso wenig, nicht mit ihnen zu diskutieren.

Das Ziel in einer solchen Debatte ist es deshalb nicht, die andere Seite mit sachlichen Argumenten zu überzeugen. Das Ziel ist nämlich das Publikum. Es geht darum, die Unsinnigkeit der Pseudowissenschaften öffentlich zu machen. Dabei sollte man ein paar Dinge nicht vergessen:

  1. Nur weil eine Person dummes Zeug erzählt, sollte man sie nicht für dumm halten.
  2. Recht haben und Rechthaben sind zwei verschiedene Dinge.
  3. Esoteriker und Pseudowissenschaftler sind Medienprofis und geübte Rhetoriker. Das ist ihr Job.

Es gibt eine Reihe von Techniken, mit denen man als Gewinner einer Debatte erscheinen kann, egal was für Blödsinn man von sich gibt. Florian Freistetter erwähnte den Gish-Gallop, der die rational argumentierende Seite mit einer Art DoS-Angriff ausschaltet.

Das kann auf viele Arten geschehen. Arthur Schopenhauer unterschied in der „Eristischen Dialektik“ (oder „Die Kunst, Recht zu behalten“) 38 Kunstgriffe, mit denen man in einer Debatte als Gewinner dastehen kann, egal ob man Recht hat oder nicht.

In Streitgesprächen geht es nicht darum, die Wahrheit herauszufinden. Es geht ums gewinnen. Bild: rhetorik-netz.de [CC-BY-SA-3.0] / Wikimedia Commons
Hauptsächlich bestehen die einzelnen Angriffe daraus, die gegnerische Person oder ihre Sache zu diskreditieren. Der Grundgedanke dabei ist ganz einfach: Ich muss nicht gut aussehen, wenn mein Gegner noch schlechter aussieht als ich. So funktioniert jeder Populismus.

Sich selbst immunisieren

Man kann Populismus aber nicht mit Populismus besiegen. Allein sich auf die sprachliche Ebene der Gegenpartei zu begeben, heißt bereits, ihr nachzugeben. Man kann aber den Umgang mit unsachlichen Diskussionspartnern trainieren.

„Die einzig sichere Gegenregel ist daher die, welche schon Aristoteles im letzten Kapitel der Topica gibt: Nicht mit dem Ersten dem Besten zu disputieren; sondern allein mit solchen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie Verstand genug besitzen, nicht gar zu Absurdes vorzubringen und dadurch beschämt werden zu müssen; und um mit Gründen zu disputieren und nicht mit Machtsprüchen, und um auf Gründe zu hören und darauf einzugehen, und endlich, dass sie die Wahrheit schätzen, gute Gründe gern hören, auch aus dem Munde des Gegners, und Billigkeit genug haben, um es ertragen zu können Unrecht zu behalten, wenn die Wahrheit auf der anderen Seite liegt. Daraus folgt, dass unter Hundert kaum Einer ist, der es wert ist, dass man mit ihm disputiert.“
– Arthur Schopenhauer

Wissenschaftler sind es gewohnt, in einem geschützten Umfeld zu arbeiten. Aus ihrer Deckung trauen sie sich in der Regel nur dann heraus, wenn sie abgesichert sind. Im öffentlichen Diskurs geht das aber nicht. Man kann sich aber darauf vorbereiten, und weil der öffentliche Diskurs unvermeidlich ist, müssen sich Wissenschaftler auch darauf vorbereiten. Es ist es bisschen wie eine Impfung, bei der man sich den Erregern in abgeschwächter Form aussetzt.

Das geht übrigens ganz einfach und bequem von zuhause aus: Auf Facebook, Twitter und selbst auf Instagram tummeln sich fröhlich Impfgegner, Homöopathieanhänger und Esoteriker, um nur die Harmlosesten zu nennen.

Zugegeben, es ist etwas anstrengend, ihnen nachvollziehbare Tatsachen entgegenzuhalten. Aber es ist eine gute Übung. Und es ist ein Eintritt in den Diskurs, der sowieso stattfindet.

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