Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ist die Wissenschaftswelt für einen Moment aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Sie hat sich kurz umgedreht und schläft nun – mit etwas unruhigen Träumen – weiter.

Es ist nicht so, dass nicht schon seit Jahren in der Welt systematisch die Freiheit der Forschung eingeschränkt würde. Oder dass Esoteriker, Quacksalber und Heilpraktiker nach Belieben die wissenschaftliche Methode als solche instrumentalisieren, um sie im nächsten Atemzug in Verruf zu bringen.

Unfähigkeit, Desinteresse und Feigheit

Es ist auch nicht so, dass die Öffentlichkeit kein Interesse an wissenschaftlichen Themen hätte. Sonst würden wohl kaum jeden Monat fünf Millionen Leute die Website „Zentrum der Gesundheit“ besuchen (Quelle: similarweb.com) und sich dort erklären lassen, dass Vanillearoma krebserregend sei. Oder welche Vitamine bei Schizophrenie am besten helfen würden.

Nein, es ist eher eine Mischung aus Unfähigkeit, Desinteresse und Feigheit, die die meisten Wissenschaftler* davon abhält, etwas dagegen zu unternehmen.

Zu reden verlernt

Während der wissenschaftlichen Ausbildung stehen natürlich Fachinhalte im Vordergrund. Gleichzeitig lernt man im Studium ein völlig neues Vokabular, um sich präzise über die Inhalte auszutauschen. Die meisten dieser Begriffe stammen aus der internationalen Sprache der Wissenschaft: Englisch.

Selbst wenn sie wollten, könnten viele Forscher manche dieser Begriffe noch nicht einmal in deutsche Fachsprache übersetzen. Wie sollte man von ihnen also erwarten, dass sie es in normaler, verständlicher Sprache ausdrücken können? Sie haben es ja nie gelernt.

Der nahezu folgenlose „March for Science“ im Frühjahr 2017 hat bewiesen, dass die meisten Wissenschaftler noch nicht einmal wissen, wofür sie überhaupt eintreten sollen. Alles, was sie nach außen skandierten war, dass alles irgendwie doof ist und doch bitte wieder besser werden soll.

Ausmarschiert: Die Google-Suchanfragen nach dem „March for Science“ zeugen nicht von einem dauerhaften Effekt. (Google Trends, Screenshot vom 25.01.2018)

Dass der Leidensdruck in der Wissenschaft nicht hoch genug ist, um etwas zu bewirken, zeigte der March for Science sehr eindrucksvoll. Nach den weltweiten Demonstrationen hat sich das Verhältnis der Wissenschaft zur Gesellschaft jedenfalls nicht spürbar geändert.

Nach mir die Sintflut

Es ist auch gar nicht die Aufgabe von Wissenschaftlern, sich gegenüber Außenstehenden zu erklären. In der selben Zeit, in der ein Wissenschaftler versucht, sein Forschungsthema der eigenen Familie zu erklären, könnte er stattdessen auch etwas Zielführendes machen. Zum Beispiel, das Gleiche einer Kommission erklären, die dann aber Forschungsgelder dafür vergibt. Oder am Manuskript der nächsten Publikation zu schreiben, Vorträge vorbereiten oder Studenten unterrichten.

Beim Forschen darf man nur wenig Zeit für anderes haben. Sonst forscht man nicht genug. Bild: PhD Comics

Nebenbei betreiben die meisten auch noch aktiv Forschung, um ihren jeweiligen akademischen Abschluss zu erwerben und sich dann schnellstmöglich nach einer richtigen Arbeit umzusehen. Für Viele ist Wissenschaft deshalb eher eine unangenehme, aber notwendige Phase auf dem Weg ins geregelte Berufsleben. Ein nachhaltiges Interesse an Forschung haben viele Wissenschaftler daher selbst nicht.

Angst vor der Selbsterkenntnis

Wer Forschung populärwissenschaftlich erklärt, liefert sich Angriffen aus, und zwar von beiden Seiten. Das Publikum ist nicht dumm und stellt vielleicht kritische Fragen auf die man keine, oder die falschen Antworten hat.

Viel gefährlicher ist es aber, wenn die eigenen Kollegen oder Vorgesetzten einen nicht mehr ernst nehmen, weil man sich aus deren Sicht „unwissenschaftlich“ verhält:

Und sehr wahrscheinlich muss man sich selbst gegenüber eingestehen, dass die eigene Forschung am Ende vielleicht doch nicht zur Heilung von Krebs beiträgt. Die Angst, als nicht ausreichend kompetent „entlarvt“ zu werden, ist weit verbreitet unter Wissenschaftlern. Es gibt sogar ein eigenes Wort dafür: „Impostor Syndrome“ (Hochstapler-Syndrom). Es ist also kein Wunder, wenn viele Wissenschaftler sich nicht trauen, den Nimbus der Unangreifbarkeit abzulegen und der Öffentlichkeit auf Augenhöhe zu begegnen.

Angst vor dem Fortschritt

Der Medienwandel, der es allen ermöglicht, alles zu behaupten und dabei auch noch gehört zu werden, verändert seit Jahren die Gesellschaft. Die Wissenschaft hat diesen Wandel einigermaßen ungestört eher am Rande miterlebt: Man kommt jetzt leichter an Publikationen, ohne horrende Gebühren zahlen zu müssen. Es gibt sogar mit ResearchGate.com ein eigenes „Facebook für Wissenschaftler“, wo man unter sich bleiben kann.

Dass gerade Wissenschaftler sich so schwer mit dem technischen Fortschritt tun und insbesondere vor sozialen Medien und dem freien Austausch von Ideen und Informationen zurückschrecken, wirkt paradox. Es liegt aber daran, dass Wissenschaftler sehr skeptisch gegenüber allem Neuem sind. Es dauert lange, bis sich neue Erkenntnisse wirklich durchgesetzt haben, eben weil sie ständig angezweifelt und hinterfragt werden.

Das führt ironischerweise dazu, dass viele Wissenschaftler sich nicht an soziale Medien herantrauen. Sie verstehen die Regeln nicht (die sich obendrein permanent ändern), also lassen sie die Finger davon.

Abgewandte Wissenschaft

Wissenschaftler arbeiten gerne unter kontrollierten Bedingungen. Deshalb gibt es Labore. Das Problem dabei ist, dass Erkenntnisse, die unter Laborbedingungen gewonnen wurden, nur annähernde Aussagen über die unkontrollierte Wirklichkeit zulassen.

Forschung findet meist in Laboren statt. Die Außenwelt ist einfach zu kompliziert. Bild: PhD Comics

Was auf dem Papier oder unter Idealbedingungen gut aussieht, endet in der Wirklichkeit häufig in Fehlschlägen oder wird schmutzig. Für Wissenschaftler ist das leider zu kompliziert. Deswegen lassen sie, bis auf wenige Ausnahmen, auch die Finger von Feldversuchen.

Die Wissenschaftler brauchen diese Abgewandtheit von der Welt, um sie in Ruhe untersuchen zu können. Es ist auch nicht ihre Aufgabe, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit mitzuteilen. Das nehmen andere ihnen ab.


*Dieser Begriff schließt Angehörige aller Geschlechter ein.

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1 Kommentar

Mit Chemie Fake News bekämpfen | Der Chemische Reporter · 1. Februar 2018 um 19:13

[…] Sie können selbst Wissenschaft erklären, Ergebnisse in einen Kontext setzen und Fakten liefern. Was es dazu braucht, ist Geduld, Sachlichkeit, Abstraktionsvermögen und Lernbereitschaft. Also Qualifikationen, die Wissenschaftler sowieso mitbringen. Schade nur, dass die wenigsten sich für ihre Umwelt und die Gesellschaft interessieren. […]

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