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Brokkoli hilft gegen Krebs?

Bild: FOODISM360 / Unsplash

Wenn du einen Beitrag über Wissenschaft veröffentlichst und diese Meldung dankbar von einem zweifelhaften Portal für Alternativmedizin aufgegriffen wird, dann ist wahrscheinlich irgend etwas schief gelaufen. Jedenfalls, sofern du auf sachliche Richtigkeit Wert legst.

So etwas ist dem Universitätsklinikum Heidelberg passiert, das als Beleg dafür herhalten muss, dass Brokkoli gegen Krebs helfen würde. So wird das zwar nirgendwo behauptet, aber trotzdem können die Inhalte der betreffenden Forschungsgruppe so oder so ähnlich interpretiert werden. Das macht den sogenannten Küchenzuruf zu einer mächtigen Waffe in der Kommunikation, über die du dir im Klaren sein solltest.

Das „Zentrum der Gesundheit“ behauptet, Brokkoli würde gegen Krebs helfen. Dabei stützt es sich auf das Universitätsklinikum Heidelberg. Neben dieser Meldung werden Nahrungsergänzungsmittel beworben.

Und so steht nun auf der Webseite “Zentrum der Gesundheit”, dass Brokkoli gegen Krebs helfen würde – neben ähnlich problematischen Aussagen, etwa dass Chemotherapien Krebs auslösen würden oder Psychopharmaka Alzheimer verursachen könnten.

Wenn du keinen Beleg hast und einfach so tust, als hättest du einen

Dass die Berichte über die Brokkoli-Forschung offenbar etwas arg euphorisch ausfallen, ist inzwischen wohl auch im Uniklinikum Heidelberg aufgefallen, denn auf der Webseite der zitierten Forschungsgruppe befindet sich ein etwas zerknirscht wirkender Disclaimer:

“Bevor wir Ihnen an dieser Stelle Informationen über Nahrungsmittel mit Sulforaphan und weitere interessante Fakten rund um das Thema Ernährung und Krebs zu Verfügung stellen, müssen wir Sie darauf hinweisen, dass wir die Wirksamkeit gegen die besonders aggressiven Tumorstammzellen des Bauchspeicheldrüsenkrebs erst in Laborversuchen zeigen konnten. Auch wenn die vorliegenden Ergebnisse vielversprechend sind, können Sie erst in die Behandlung von Krebspatienten überführt werden, wenn ausreichend Daten aus Studien mit Patienten vorliegen. Unabhängig von den erwarteten Studienergebnissen können Sie Sulforaphan über die tägliche Ernährung aufnehmen.”

Natürlich ist es eine gute Idee, Brokkoli zu essen. Eine abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse ist immer eine gute Idee. Keine gute Idee ist es, zu glauben, Brokkoli würde eine Krebstherapie ersetzen.

Verantwortung der Öffentlichkeitsarbeit

Wenn Öffentlichkeitsarbeit das Ziel hat, möglichst viel Reichweite zu erzeugen, dann war die Heidelberger Meldung ein klarer Erfolg. Wenn es darum geht, Inhalte sachlich korrekt zu vermitteln, Einschränkungen zu benennen und nicht zu übertreiben, dann war es wohl nicht so richtig gelungen. Denn einerseits reiht sich diese Behauptung in die unkritische “Yay, Science!”-Berichterstattung ein, die viel verspricht und wenig einlöst.

Anderseits frage ich mich, wie viele krebskranke Menschen aufgrund dieser Meldung tatsächlich erst einmal eine Brokkoli-reiche Ernährung statt einer Therapie versuchen und dabei wertvolle Zeit verlieren. Eine vage Vorstellung davon liefert die Debatte um die Frage, ob Methadon eine Chemotherapie unterstützt (Spoiler: Nein, tut es nicht).

Der Küchenzuruf als Kommunikations-Instrument

Sachlich sind die Texte des Uniklinikums Heidelberg übrigens völlig richtig. Die Verzerrung entsteht erst im Küchenzuruf, den das Publikum daraus macht. Als Küchenzuruf wird im Journalismus die Botschaft bezeichnet, die die Leserschaft einem Beitrag entnimmt – im Unterschied zu jener Botschaft, die eigentlich vermittelt werden sollte.

Im Fall des Heidelberger Klinikums lautet die gesendete Botschaft: “Ein Inhaltsstoff, der unter anderem in Brokkoli vorkommt, unterdrückt in Laborversuchen einen bestimmten Stoffwechselweg in den Tumorstamm­zellen, mit dem diese sich vor der Chemotherapie schützen.”

Das ist eine andere Aussage als “Brokkoli-Sprossen können in die Krebs-Therapie einbezogen werden, wie Forscher des Unversitätsklinikums Heidelberg um Professor Ingrid Herr empfehlen”, wie das sogenannte Zentrum der Gesundheit es formuliert.

Kommunikation ist das, was ankommt

Der Name “Küchenzuruf” beschreibt eine hypothetische Situation beim Lesen des Textes: Jemand liest auf dem Sofa verschiedene Nachrichten und bleibt bei dieser einen Meldung hängen. Sie ist interessant und die Person möchte das gerne teilen. Das könnte in etwa so lauten:

Hey, wusstest du, dass der sekundäre Pflanzenmetabolit Sulphuran, der in Kohlgemüse wie zum Beispiel Brokkoli vorkommt, unter Laborbedingungen bei Mäusen die besonders gefährlichen Tumorstammzellen für eine Chemotherapie empfindlicher macht?

Dass das so passiert, ist natürlich Unsinn. Was wohl eher hängen bleibt, sind einfach nur die Schlagworte “Brokkoli” und “Tumor”. So entsteht eine verkürzte und sachlich verfälschte Version der eigentlichen Nachricht. Falls dich das an das Spiel “Stille Post” erinnert, dann kennst du das Prinzip schon.

Wenn es dir darum geht, eine Botschaft zu kommunizieren, musst du das beachten. Denn wenn du missverstanden wirst, dann hast du nicht richtig kommuniziert. Wer eine Meldung schreibt oder auch liest, sollte also immer den jeweiligen Küchenzuruf im Auge behalten: Welche eine Aussage soll die Leserschaft unbedingt mitnehmen?

Was ist die zentrale Botschaft?

Wenn du diese Botschaft gefunden hast, schreibe sie möglichst klar möglichst an den Anfang deines Textes. Die Erläuterungen, der Kontext und die Einschränkungen zu dieser Aussage – all das muss erwähnt werden und sollte im Text danach kommen. Aber diese eine Aussage, eben der Küchenzuruf, sollte alles enthalten, was dir wichtig ist. Er ist deine Kernbotschaft. Und im besten Fall ist das, was dein Publikum aus deinem Beitrag mitnimmt, ziemlich ähnlich zu dem, was du vermitteln wolltest. Das sollte dein Ziel sein.

Im Falle der Heidelberger Forscherin könnte die Kernbotschaft lauten: “Eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse senkt das Risiko, an Krebs zu erkranken.” Oder “Ein Inhaltsstoff aus Gemüse könnte vielleicht bald in der Chemotherapie eingesetzt werden.” Das klingt alles weniger spektulär – aber es bringt die Faktenlage auf den Punkt.

Published inin Reaktion

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