Zum Inhalt springen

Kommunikation zur Klimakrise – Es braucht Trauerarbeit

Bild: Mike Labrum / Unsplash

Die Debatte um den Klimawandel ist geprägt von Verleugnung, Wut, Feilschen und Depression. Wem kommen diese Verhaltensmuster noch bekannt vor?

Wenn ich in den sozialen Medien den Klimawandel thematisiere, muss ich sofort mit harschem Gegenwind rechnen. Es sei alles nur Alarmismus, Prognosen seien schwierig (vor allem wenn sie die Zukunft betreffen) und außerdem kostet es Arbeitsplätze. Und überhaupt: Wer selbst Kohlendioxid ausatmet, sollte ganz still sein.

Bloß weg vom Thema

In diesen Diskussionen ist auffällig, dass das Thema sofort von der Sache weggelenkt wird. Greta Thunberg fährt mit einem Segelboot nach Amerika? Umgehend wird penibel vorgerechnet, dass und wieviel CO2 auch dabei freigesetzt wird und dass sie gleich ein Flugzeug hätte nehmen können. Aber den Gefallen hat Frau Thunberg ihren Kritikern* nicht getan. Immerhin hat ihr Segeltörn gezeigt, was für geistige Verrenkungen manche Leute anzustellen bereit sind, um bloß nicht über das eigentliche Thema zu reden.

Unsere Gesellschaft verhält sich in der Debatte um die Klimakrise auffällig irrational. Politik und Gesellschaft reagieren zu großen Teilen immer noch mit Ärger, Leugnung und jovialen Gegenforderungen, wenn sie von Jugendlichen auf die Faktenlage hingewiesen und zum Handeln aufgefordert werden. Durch diese Emotionalität ist ein konstruktiver und lösungsorierentierter Austausch kaum möglich. Und genau darum geht es auch: Es soll möglichst alles beim Alten bleiben. Es ist aber nicht mehr alles beim Alten. Es wird auch nicht mehr wie früher.

Ein schmerzhafter, kollektiver Abschied

In dieser Situation wird die eigentliche  Frage, wie es nun weitergehen soll, mit verschiedensten Manövern vermieden. Ganz offenbar geht es für viele Menschen (auch für mich) überhaupt erst einmal darum, von einer liebgewonnenen Normalität Abschied zu nehmen. Von einer Zeit, als wir fossile Rohstoffe verbrannten als gebe es kein Morgen. In der Plastik das Material der Zukunft war: billig, nahezu beliebig formbar und unbegrenzt haltbar. Von einer Zeit des ständigen Wachstums.

Diese Zeit ist vorbei und da ich selbst noch im 20. Jahrhundert geboren wurde, fällt es mir auch schwer, das zu akzeptieren. Was es braucht, um diesen Verlust der alten Normalität tatsächlich zu bewältigen, ist Trauerarbeit.

Verleugnung, Wut, Feilschen, Depression – Akzeptanz

Auch wenn Trauer in Phasen eingeteilt werden kann, heißt das nicht, dass der Verarbeitungsprozess linear verlaufen würde. Verleugnung (“Es gibt keine Klimakatastrophe, das ist alles nur Alarmismus”), Wut (“Ich lasse mir doch von einer 16-Jährigen nicht sagen, welches Auto ich fahren darf!”), Feilschen (“Wir dürfen jetzt nicht übereilt handeln, irgendeine Technik wird uns schon retten. Geht ihr nur fleißig in die Schule und studiert MINT-Fächer, damit ihr dann unsere Probleme lösen könnt.”), Depression (“Wer soll das alles bezahlen? Außerdem kostet es Arbeitsplätze. Und es gibt eh nichts mehr zu retten, das Klima ist so oder so im Eimer.”) wechseln sich spontan und unvorhersehbar ab.

Das macht den Trauerprozess unglaublich schmerzhaft und langwierig. Aber er ist notwendig, um am Ende in der veränderten Situation wieder zu einer neuen Normalität zu finden. Allerdings läuft uns die Zeit davon. Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Prozess gemeinsam angehen. Wir Menschen aus dem 20. Jahrhundert müssen nicht mit Fakten überzeugt werden. Was wir brauchen, ist Trauerbegleitung.

Bestatten wir endlich das 20. Jahrhundert!

Ein wichtiger Schritt beim Abschiednehmen sind Rituale. Wenn ein geliebter Mensch von uns geht, helfen uns Rituale, die schmerzhafte Wahrheit zu begreifen, dass diese Person nie wieder da sein wird. Die Bewältigung der Klimakrise ist daher nicht nur ein technisches Problem, sondern auch eine kulturelle Aufgabe.

Während die Jugend also dafür demonstriert, dass wir nach Jahrzehnten endlich Verantwortung für unser Handeln übernehmen, sollten wir die Vergangenheit loslassen. Sie ist vorbei und es wird nie wieder wie damals. Lasst uns das 20. Jahrhundert endlich bestatten.


* die in meiner Wahrnehmung tatsächlich allesamt männlich sind. Wer Gegenbeispiele kennt, darf sie mir gerne nennen.

Published inin Reaktion

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.